Unternehmensgeschichte

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Wirtschafts- und Unternehmensarchive

 

Öffentliche Archive

Viele Großunternehmen verfügen heute über ein professionelles historisches Archiv. Selbstverständlich ist dies aber keineswegs – von einem uneingeschränkten Zugang für unabhängige Historiker, wie er für öffentliche Archive (von zeitlichen Einschränkungen und Auflagen des Persönlichkeitsschutzes einmal abgesehen) charakteristisch ist, ganz zu schweigen. Erst recht gilt dies für mittelständische oder kleinere Unternehmen, wo meist schon aus Kostengründen auf die Unterhaltung regelrechter Archive verzichtet werden muss. Die wichtigste Anlaufstelle für die Erforschung nicht mehr existierender Unternehmen sind regionale Wirtschaftsarchive, die gewöhnlich von Industrie- und Handelskammern getragen werden und der Wissenschaft in ähnlicher Weise freien Zugang gewähren wie staatliche oder kommunale Archive. Neben den Hinterlassenschaften regionaler Unternehmen verwahren sie auch historisches Material von Wirtschaftsverbänden, Pressedokumentationen oder persönliche Nachlässe. Wichtige unternehmenshistorische Quellen finden sich teils auch in Staats- und Kommunalarchiven. Das gilt vor allem für die neuen Bundesländer, wo zusammen mit den Akten Volkseigener Betriebe zahlreiche Bestände aus der Zeit bis 1945 an die DDR-Bezirksarchive oder die heutigen Staatsarchive abgegeben wurden. Auch das Bundesarchiv Berlin verwahrt eine Reihe teils umfangreicher Bestände von Unternehmen, die nach 1945 auf SBZ/DDR-Territorium enteignet wurden.
 
Den einfachsten Online-Zugriff auf staatliche und kommunale Archive ermöglicht das bekannte Portal der Archivschule Marburg. Dieses Portal bietet aber auch eine nach Regionen, Branchen und Unternehmen gegliederte Sammlung von Links zu Wirtschafts- und Unternehmensarchiven. Die dort verzeichneten Homepages der regionalen Wirtschaftsarchive in Hohenheim, München, Darmstadt, Köln, Leipzig, Dortmund und Hanstedt (ein niedersächsisches Wirtschaftsarchiv in Wolfenbüttel befindet sich seit kurzem im Aufbau) enthalten Beständeübersichten, teils auch ausführliche Bestandsbeschreibungen oder elektronische Findbücher mit entsprechenden Suchmasken. Beim Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchiv in Köln beispielsweise sind derzeit rund 70.000 Verzeichnungseinheiten online recherchierbar. Häufig finden sich hier zudem historische Basisinformationen zu den entsprechenden Unternehmen, Kammern oder Personen, gelegentlich auch Bildmaterial. Vielfach bieten die Bestandsbeschreibungen auch Literaturhinweise zu den verwahrten Beständen. Eine überregionale Einrichtung ist das Bochumer Bergbau-Archiv, das 1969 als zentrale Sammelstelle für die Akten stillgelegter Zechen eingerichtet wurde. Für den Spezialbereich der Banken- und Sparkassengeschichte hat das Institut für bankhistorische Forschung ein umfangreiches Archivverzeichnis zusammengestellt, dessen Inhaltsangaben sich allerdings bislang auf die Namen derjenigen Banken und Sparkassen beschränken, deren Akten dort überliefert sind.
 
Für Unternehmenshistoriker, die sich insbesondere für die Geschichte der Arbeit und – damit eng zusammenhängend – der alten und neuen sozialen Bewegungen interessieren, sind drei weitere Archivzentren von Belang. Das Archiv für soziale Bewegungen in Bochum verwahrt nicht nur Bestände von Gewerkschaften, sondern auch von Betriebsräten und Arbeitsdirektoren. Das International Institute of Social History (IISH) in Amsterdam arbeitet eng mit dem Nederlandsch Economisch-Historisch Archief (NEHA) zusammen, in dem die Unterlagen zahlreicher niederländischer Handelsgesellschaften und Industrieunternehmen aufbewahrt werden, und bietet über die eigene Homepage komfortable Recherchemöglichkeiten im gemeinsamen Online-Katalog an. Außerdem stellt es Virtuelle Ausstellungen, Webguides, aktuelle Bibliografien, Diskussionsforen und einen Nachrichtendienst zur Verfügung. Das Centre des Archives du Monde du Travail (CAMT) in Roubaix/Frankreich sammelt und bewahrt Archive der „Arbeitswelt“, darunter Unternehmensarchive (von kleinen Bäckereien bis hin zu Großunternehmen), Unterlagen von Arbeitervereinigungen, Berufsverbänden und anderen Interessengruppierungen, biographische Nachlässe von Beschäftigten, Managern und Unternehmenseigentümern und vieles mehr. Eine online verfügbare alphabetische Liste der Fonds mit knapper, präziser Bestandsbeschreibung erleichtert den Einstieg in die Recherche.
 

Unternehmensarchive

Das Marburger Archivportal verzeichnet auch Links zu Archiven großer Unternehmen. Eine Liste mit hessischen Unternehmensarchiven inklusive Bestandsinformationen enthält das Hessische Archiv-Dokumentations- und Informations-System. Dasselbe Angebot für Nordrhein-Westfalen bietet die Seite Archive in NRW. Unabhängig von der Existenz professionell geführter Archive nutzen natürlich zahlreiche Unternehmen ihre Homepages zur Präsentation der eigenen Geschichte. Gewöhnlich findet man die entsprechenden Links zur „Historie“ über den Button „Unternehmen“ auf den Homepages. Diese Seiten, die von kurzen Chroniken und Unternehmerbiografien bis zur Faksimilierung von Dokumenten oder kurzen Darstellungen im PDF-Format reichen, sind unterschiedlich gehaltvoll; tendenziell steigt ihre Qualität und Verlässlichkeit, wenn ein professionelles Archiv dafür verantwortlich zeichnet. Ganz unabhängig von möglichen Restriktionen für Wissenschaftler beim Zugang zu den Akten legitimieren aber Unternehmensarchive ihre Existenz innerhalb des Unternehmens als Dienstleistungsbereiche der internen und externen Unternehmenskommunikation (etwa als Abteilung „Historische Kommunikation“). Deshalb muss sich insbesondere der offene Umgang mit der eigenen Geschichte in der NS-Zeit, die viele Großunternehmen in den letzten Jahren von unabhängigen Wissenschaftlern aufarbeiten ließen, auf den Websites nicht unbedingt wieder finden. Historiker, die seriöse Unternehmensgeschichten schreiben wollen, müssen sich ohnehin weiter selbst ins Archiv bemühen.
 
Nichtsdestoweniger sind inzwischen etliche Homepages nützliche Hilfsmittel zur Vorbereitung von Archivrecherchen; darauf kann hier nur beispielhaft hingewiesen werden. In einigen Unternehmensarchiven kann man online in Beständen oder Bestandsübersichten recherchieren. Ein gutes Beispiel für die potenzielle Leistungsfähigkeit solcher Angebote ist die Suchmaske des BMW-Konzernarchivs, wo eine Datenbank auch die Suche nach Verknüpfungen zu anderen Objekten – also etwa zwischen Dokumenten und Fotos – ermöglicht. Punktuell werden die einschlägigen Seiten inzwischen auch für umfangreichere Präsentationen von Dokumenten und Objekten genutzt. Die Historische Gesellschaft der Deutschen Bank hat bereits sämtliche Geschäftsberichte seit 1870, weitere kommentierte Dokumente und Biografien sowie historische Statistiken zur Mitarbeiterentwicklung ins Netz gestellt. Die derzeit wohl komfortabelsten Recherchemöglichkeiten und auch die technikhistorisch gehaltvollsten Informationen bietet das Archiv der Carl Zeiss AG in Jena, das über Online-Findbücher hinaus, die teils wiederum über virtuelle Organigramme des Unternehmens recherchiert werden können, ein „virtuelles Museum“ mit über 3.000 kommentierten Abbildungen ins Netz gestellt hat; darunter ist das komplette Herstellungsprogramm aus der Zeit bis 1945, das mit Original-Prospekttexten präsentiert wird. Möglich ist auch eine Recherche nach mehr als 75.000 Druckschriften (vgl. auch die Rezension von Dagmara Jajesniak-Quast). Das typische Anliegen einer historischen Unternehmenspräsentation demonstriert indes eher der Auftritt des Mercedes-Benz Museums: Die technisch und optisch aufwendig gestaltete Site bietet automobilhistorisch Interessierten unter dem Motto „Faszination der Technik“ einen virtuellen Rundgang durch die Modell- und Designgeschichte an, dessen sonstiger Informationsgehalt freilich für professionelle Historiker eher gering ist.

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