Einleitung
Im Bereich der Historischen Fachinformation weist die Schweiz im Vergleich zu vielen anderen Ländern einige Defizite auf. So existiert weder ein zentrales Geschichtsportal noch gibt es historische Fachforen oder entsprechende Mailinglisten. Dieser Rückstand lässt sich zum Teil mit der föderalen Struktur der schweizerischen Wissenschaftslandschaft erklären, welche die Errichtung von entsprechenden Förderinitiativen massiv erschwert. Gleichwohl sind in den letzten Jahren einzelne Angebote online gestellt worden, welche die historische Arbeit erleichtern.
Autor
Dr. Peter Haber arbeitet am Forschungsprojekt "digital.past. Die Geschichtswissenschaften im digitalen Zeitalter" am Historischen Seminar der Universität Basel. Zusammen mit Jan Hodel betreut er das Projekt
hist.net, welches 1998 als WWW-Kompetenzzentrum für die Anwendung Neuer Medien wie Internet und CD-ROM in den Geschichtswissenschaften an der Universität Basel entstanden ist.
Stand: Dezember 2005
Historische Seminare
Die geschichtswissenschaftliche Forschung ist in der Schweiz weitgehend an den Universitäten konzentriert. Ausseruniversitäre Einrichtungen wie zum Beispiel Akademien mit eigenen Forschungsprogrammen fehlen in der Schweiz. Insgesamt gibt es in der Schweiz zehn kantonale Universitäten, fünf in der Deutschschweiz, drei in der Romandie und eine im italienischsprachigen Tessin.
Die Universität Freiburg im Uechtland ist zweisprachig. Zudem betreibt der Bund die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich und die Ecole Polytechnique in Lausanne. Die Mehrsprachigkeit erschwert eine gesamtschweizerische Fachkommunikation und führt zu einer verhältnismäßig starken internationalen Orientierung, insbesondere in Richtung Deutschland resp. Frankreich.
Eigene Historische Institute, Seminare oder Départements existieren in Basel, Bern, Freiburg, Genf, Lausanne, Luzern, Neuenburg und Zürich. Die Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (FSW) der Universität Zürich ist interfakultär verankert. Die ETH hat ein eigenes Institut für Geschichte und betreibt mit der Universität Zürich zusammen das neue Zentrum Geschichte des Wissens.
Die Aufteilung der Institute ist sehr unterschiedlich: Das Historische Seminar Basel kennt formal keine Fachbereiche oder Abteilungen, sondern die zehn Professuren verteilen sich auf die folgenden sechs Schwerpunkte: Geschichte des Mittelalters, Geschichte der Frühen Neuzeit, Neuere und Neueste Geschichte, Frauen- und Geschlechtergeschichte, Geschichte Osteuropas und Geschichte Afrikas.
Das Seminar für Alte Geschichte ist eigenständig und mit dem Historischen Seminar nur lose verbunden.
Das Historische Institut in Bern besteht aus den sechs Abteilungen: Alte Geschichte und Epigraphik, Mittelalterliche Geschichte, Neuere Geschichte, Neueste Geschichte, Schweizer Geschichte sowie Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte.
In Freiburg ist der Bereich Geschichte drei Departementen zugeordnet, nämlich: 1) Altertumswissenschaften, 2) mittelalterliche Geschichte, Geschichte der Neuzeit und historische Hilfswissenschaften sowie 3) Zeitgeschichte, Politikwissenschaft und sozio-kulturelle Anthropologie.
In Genf ist das Angebot in sechs ‚unités’ aufgeteilt: Histoire ancienne, Histoire médiévale, Histoire moderne, Histoire contemporaine, Histoire nationale et régionale sowie Histoire de l’histoire.
Ähnlich die Aufteilung in Lausanne in Histoire médiévale, Histoire moderne und Histoire contemporaine.
In Luzern bestehen zwei Lehrstühle für Mittelalterliche Geschichte und Renaissance sowie für Neueste Zeit.
In Neuenburg gliedert sich das Institut in die Bereiche Histoire suisse moderne et contemporaine, Histoire générale moderne et contemporaine, Histoire médiévale und Histoire économique.
Das Historische Seminar der Universität Zürich ist in die Fachbereiche Alte Geschichte, Mittelalter und Neuzeit sowie in die Abteilungen für Osteuropäische Geschichte und für Ur- und Frühgeschichte aufgeteilt. Der Lehrstuhl für Aussereuropäische Geschichte gehört zum Fachbereich Neuzeit. Zudem gehört die interfakultäre Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (FSW) auch zum Seminar; die FSW hat einen Schwerpunkt im Bereich der Wissenschaftsgeschichte und beteiligt sich auch am Zentrum der Geschichte des Wissens.
Qualität und Informationsgehalt der einzelnen Websites orientieren sich in der Regel an den institutionellen Erfordernissen, ein reichhaltiges Angebot mit zahlreichen Skripten, Preprints und weiterführenden Linksammlungen bieten aber die Technikgeschichte der ETHZ und die FSW der Universität Zürich.
Datenbanken oder umfassende Textkorpora zu einzelnen Forschungsprojekten bilden zur Zeit noch die Ausnahme, so etwa die Datenbank „Deutschschweizerische Selbstzeugnisse (1500-1800) als Quellen der Mentalitätsgeschichte“ am Historischen Seminar Basel.
Bibliotheken und Bibliografien
Die 1894 gegründete
Schweizerische Landesbibliothek sammelt die Literatur aus der Schweiz und über die Schweiz
und nimmt die Funktionen einer Nationalbibliothek wahr (ihre französische Bezeichnung lautet demgemäss auch
Bibliothèque nationale suisse). Das Katalogsystem
Helveticat verzeichnet Monografien, Musikalien, Mikroformen, Multimedia, Karten und Atlanten, hingegen nur einen Teil der Zeitungen und Zeitschriften, die sich in der Landesbibliothek befinden. Daneben enthält Helveticat auch Einträge zu Tondokumenten der Schweizerischen
Landesphonothek in Lugano. Der
Sachkatalog vor 1998 läuft auf einem eigenem System, ebenso der Schweizerische
Zeitschriftengesamtkatalog VZ, der ebenfalls von der Landesbibliothek betreut wird. Ein gesamtschweizerischer Nachweis aller Periodica ist über das Portal
Swiss Serials recherchierbar.
Unter dem Namen
Biblio bietet die Landesbibliothek zudem Zugriff auf vier schweizerische Fachbibliographien, darunter auf die Bibliographie der Schweizergeschichte, allerdings erst ab dem Jahr 1999; die gedruckte Version erscheint seit 1913.
Die Bibliotheken der Bundesverwaltung haben sich in einem Katalog namens
Alexandria zusammengeschlossen. Obgleich die Bibliotheken in der Regel nicht frei benutzt werden können, bildet der Katalog ein gutes Recherchierinstrument, weil sehr viele Schriften und zum Teil auch Aufsätze nachgewiesen sind, die in den wissenschaftlichen Bibliothekskatalogen oftmals fehlen.
Die Sammelschwerpunkte der schweizerischen Universitätsbibliotheken werden derzeit nicht koordiniert, eine Zusammenarbeit besteht lediglich bei der Lizenzierung von elektronischen Angeboten über das
Konsortium der Schweizer Hochschulbibliotheken. Auch fehlt eine koordinierte regionale oder fachspezifische Literaturversorgung, weil die schweizerische Forschungsförderung (d.h. insbesondere der
Schweizerische Nationalfonds) die Förderung der Forschungsinfrastruktur und der Literaturversorgung nicht zu ihren Aufgaben zählt.
Über grosse historische Bestände verfügt die Universitätsbibliothek Basel, da die Universität bereits 1460 gegründet wurde und Basel eine wichtige Druckerstadt war. Über die entsprechenden
Spezialsammlungen informiert die Homepage der UB Basel ausführlich. Eine reiche Handschriftensammlung weist auch die
Stiftsbibliothek St. Gallen auf, die im Herbst 2005 angefangen hat, eine Digitale Bibliothek aufzubauen und ins Netz zu stellen.
Eine schnelle Übersicht über die Bibliothekslandschaft der Schweiz vermittelt das
Internet Clearinghouse, das von der Landesbibliothek zusammen mit der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern betrieben wird.
Archive
Die schweizerische Archivlandschaft ist stark geprägt durch die föderalistische Struktur des Landes. Wie für andere Politikbereiche ist auch für das staatliche Archivwesen die Gliederung in die drei Ebenen Bund, Kantone und Gemeinden von zentraler Bedeutung. Während das Bundesarchiv für die Sicherung, Erschließung und Auswertung der Unterlagen des Bundes zuständig ist, fällt die Archivierung der von den kantonalen Verwaltungen produzierten Unterlagen in die Kompetenz der kantonalen Staatsarchive. Diese sind rechtlich unabhängig vom Bundesarchiv. Neben den Staatsarchiven führen eine Vielzahl von Gemeinden, geistlichen Organisationen, Institutionen oder Privatpersonen ihre eigenen Archive. Die Bestände der Archive sind je nach Aufgabenbereich und Kompetenzen der jeweiligen politischen Ebene sehr unterschiedlich strukturiert. Die Archivbestände der Kantone und Gemeinden reichen in der Regel ins Mittelalter zurück, während der Schwerpunkt des Archivguts des Bundesarchivs in der Zeit seit der Bundesstaatsgründung von 1848 liegt.
Diese Aufteilung bedeutet in der Forschungspraxis eine gewisse Unübersichtlichkeit und setzt zum Teil sehr gute lokale Kenntnisse voraus, um tatsächlich vor Ort mit dem Material arbeiten zu können. Eine sehr gute Übersicht über die Archivlandschaft der Schweiz bietet die Website des Vereins Schweizerischer Archivarinnen und Archivare. Neben der Möglichkeit, strukturiert in der Archiv-Datenbank zu suchen, sammelt die Website auch Verweise auf online zugängliche Findmittel, zum Beispiel die Datenbank mit Nachweisen von kirchlichen Beständen in schweizerischen Archiven, das Verzeichnis der Wirtschaftsbestände, das Repertorium handschriftlicher Nachlässe oder die sogenannten Flüchtlingsakten der Jahre 1930 bis 1950.
Eine zentrale Rolle in der schweizerischen Archivlandschaft nimmt das 1798 errichtete
Schweizerische Bundesarchiv in Bern ein, das aber mit 46 Planstellen (2002) relativ klein ist. Die Aufgaben des Bundesarchivs sind im
Bundesgesetz über die Archivierung aus dem Jahre 1998 geregelt. Die dort festgeschriebenen Grundsätze, Fristen etc. sind für die kantonalen Staatsarchive nicht relevant; die meisten Kantone haben eigene Archivgesetze oder Verordnungen. Das Bundesarchiv umfasst das Zentralarchiv der Helvetischen Republik (1798-1803), das Archiv der Mediationszeit (1803-1813), der Tagsatzungsperiode (1814-1848) und des Bundesstaates (seit 1848); weiter beherbergt es originale diplomatische Akten und Ratifikationen internationaler Verträge, Privatarchive zur Schweizer Geschichte seit 1798 und Sammlungen von Abschriften, Kopien und Mikrofilmen von Helvetica, die in ausländischen Institutionen aufbewahrt werden.
Das Online-Angebot der einzelnen kantonalen Archive ist sehr unterschiedlich und reicht von einfachsten Infoseiten bis zu umfassenden
Suchmaschinen wie zum Beispiel beim
Staatsarchiv Basel-Stadt.
Hilfsmittel
Das Historische Lexikon der Schweiz erscheint seit 2002 in drei Sprachversionen in gedruckter Form, der letzte Band ist für 2010 geplant. Alle bereits publizierten Einträge sowie zusätzlich eine ganze Reihe von noch nicht gedruckten Beiträgen sind kostenlos und in mehreren Sprachen online zugänglich.
Die Landesbibliothek hat zum Thema „Die Schweiz 1933 bis 1945“ eine über 1000 Titel umfassende
Bibliographie ins Netz gestellt, die allerdings nur sehr grob strukturiert ist.
Editionen und Spezialsammlungen
Digitale Quelleneditionen fehlen in der Schweiz noch weitgehend. Eine grosse Ausnahme bilden die Diplomatischen Dokumente der Schweiz, wobei sich die Online-Edition auf die Jahre 1941 bis 1960 konzentriert. Die rund 3650 Dokumente sind sehr gut erschlossen und liegen in hochwertigen Scans im PDF-Format vor.
Die Stiftsbibliothek St. Gallen hat begonnen, unter dem Projektnamen Codices Electronici Sangallenses digitalisierte Handschriften ins Netz zu stellen, allerdings ist die Auswahl zur Zeit noch sehr klein.
Der Nachweis von Sondermaterialien wie zum Beispiel von Nachlässen wird von der Schweizerischen Landesbibliothek koordiniert, die zum Beispiel das Repertorium der handschriftlichen Nachlässe führt.
Die Landesbibliothek ist auch am europäischen MALVINE-Konsortium beteiligt, das einen verbesserten Zugang zu den Beständen neuzeitlicher Manuskripte und Briefe, die in europäischen Bibliotheken, Archiven, Dokumentationszentren und Museen gesammelt und erschlossen werden, ermöglicht.
Die Musée Suisse Gruppe, unter deren Dach die verschiedenen Teile des vom Bund getragenen Schweizerischen Landesmuseums zusammengefasst sind, hat begonnen ausführliche Dokumentationen über ihre Sammlungen und Objekte als so genannte Web-Collection ins Netz zu stellen. Bereits heute lassen sich Tausende von Objekten im Netz mit zum Teil ausführlichen Beschreibungen recherchieren. Eine Übersicht über sämtliche Museen in der Schweiz bietet das gleichnamige Portal.
Zahlreiche internationale Organisationen, die ihren Sitz in Genf haben, dokumentieren ihre Tätigkeit zum Teil sehr ausführlich und fortlaufend im Netz. Auf diese Weise ist in den letzten Jahren ein für die Zeitgeschichte äusserst wertvoller Quellenfundus gut zugänglich geworden. Eine gut strukturierte Übersicht über die wichtigsten internationalen Einrichtungen in Genf bietet die UNO-Mission der Schweiz in Genf.
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Literatur
1. Literatur zur Geschichtsforschung der Schweiz:
- Atelier H: Ego-Histoires. Ecrire l'histoire en Suisse romande, Neuchâtel 2003 (458 S., CHF 39.00) [2-940235-06-6].
- Allgemeine Geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz: Geschichtsforschung in der Schweiz. Bilanz und Perspektiven, Basel 1992 (471 S., nicht mehr lieferbar) [ISBN 3-7965-09407-9].
- Feller, Richard / Bonjour, Edgar: Geschichtsschreibung der Schweiz (2 Bände), Basel und Stuttgart 1979 (zuerst 1962).
- Fueter, Eduard: Geschichte der gesamtschweizerischen historischen Organisation, in: Historische Zeitschrift, 189 (1959), S. 449-506.
2. Wichtigste Literatur zur Geschichte der Schweiz:
- Geschichte der Schweiz und der Schweizer. Studienausgabe in einem Band. Herausgegeben von Comité pour une Nouvelle Histoire de la Suisse, 3. Auflage, Basel 2004 (1055 Seiten, € 68,50) [ISBN 3-7965-2067-7].
- Hettlin, Manfred / König, Mario / Schaffner, Martin / Suter, Andreas / Tanner, Jakob: Eine kleine Geschichte der Schweiz. Der Bundesstaat und seine Tradition, Frankfurt am Main 1998 (322 S., € 12) [ISBN 3-518-12079-4].