Eva Krivanec: Krieg auf der Bühne - Bühnen im Krieg

Von

Eva Krivanec

Abstract: "Krieg auf der Bühne – Bühnen im Krieg. Zum Theater in vier europäischen Hauptstädten (Berlin, Paris, Lissabon, Wien) während des Ersten Weltkriegs. In vorliegender Dissertation wird die Theatergeschichte von vier europäischen Metropolen in den Jahren des Ersten Weltkriegs, von 1914 bis 1918, in kulturwissenschaftlicher und vergleichender Perspektive erforscht. Die Alltags- und Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer produktiven Forschungsrichtung entwickelt, dennoch sind die Jahre des Ersten Weltkriegs in den meisten theater- und kulturhistorischen Studien kaum berücksichtigt worden. Als erster Befund zeigt sich nämlich, dass die Kriegsjahre für die Theater in den untersuchten Städten keine Krisenjahre waren, im Gegenteil: das Publikum, seien es die „Daheimgebliebenen“ oder Soldaten, für die der Theaterbesuch oft wesentlicher Bestandteil des Heimaturlaubs war, füllte die Theater-, Kino- und Konzertsäle und nutzte die städtischen Vergnügungen als Fluchtorte aus einem leidvollen und schwer zu bewältigenden Alltag. Theatergeschichte wird hier in einem umfassenden Sinn verstanden, die sowohl Literaturtheater als auch Variété und Revue, sowohl kommerzielle Theaterunternehmungen als auch die künstlerische Bohème, sowohl den kulturellen Mainstream als auch das Theater von Minderheiten und Flüchtlingen berücksichtigt und deren Perspektive eher aus dem Blickwinkel der Zuschauer der vier Metropolen fragt: Welches Theater war an jenem Tag, in dieser Situation zu sehen? Die Arbeit folgt in ihrem Aufbau einer thematischen Chronologie von 1914 bis 1918 und entwickelt eine Periodisierung, die natürlich für die vier Städte nicht exakt gleichförmig funktioniert, aber in den großen Zügen überall festgestellt werden kann. Die Phase der Wiedereröffnung der Theater nach Kriegsbeginn war gekennzeichnet durch eine starke Bezugnahme der neuen Produktionen auf den Konflikt: sei es die chauvinistisch gestimmte Komik und die Bezüge auf aktuelles Kriegsgeschehen in den vielen Kriegspossen und -revuen, sei es die Auswahl und Interpretation der Klassiker, die Heranziehung nationaler Mythen in historischen Dramen oder die Einbettung der Stücke in ein patriotisches Rahmenprogramm. Das Interesse daran, im Theater direkt mit dem Krieg konfrontiert zu werden, währte nicht sehr lange. Schon ab dem Jahresbeginn 1915, aber vor allem in der Saison 1915/16 traten thematisch völlig kriegsferne Komödien, Boulevardstücke, Operetten und Possen an die Stelle der Aktualitätenstücke. In den letzten Kriegsjahren experimentierten viele KünstlerInnen der verschiedenen Strömungen der europäischen Avantgarde (Expressionismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus) mit und auf dem Theater, bereiteten den Boden für jene Projekte, die als Theateravantgarden der 1920er Jahre berühmt wurden. Viele ästhetische Strategien der Avantgarde (der Bruch mit linearen Erzählstrukturen, der Rückgriff auf das Absurde und Groteske, auf die Körperlichkeit, auf das Mechanische, das Interesse an intermedialen Verschränkungen und an technischen Neuerungen) waren bereits auf dem Feld der Unterhaltungskunst vorbereitet worden. Die internationale und vergleichende Perspektive ermöglicht einen schärferen Blick auf die Situation jeder einzelnen Stadt und zeigt ähnliche Entwicklungen auf, ohne die Differenzen zu nivellieren."
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