Das Netzwerk "Stigma Asozialität"

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Land
Deutschland

Organisation

Das Netzwerk "Stigma Asozialität" ist ein offenes, internationales Forschungsnetzwerk, was sich in Jena gegründet hatte. Es finden regelmäßig Treffen statt. Darüber hinaus wird die gemeinsame Arbeit über eine Mailing-Liste koordiniert: https://lists.fu-berlin.de/listinfo/stigma-asozialitaet

Forschung

Geschichte sozialer Ausgrenzung

Anmerkungen

Das Netzwerk "Stigma Asozialität" beschäftigt sich mit den "Ausgegrenzten der Moderne" (Zygmunt Bauman). In diesem Zusammenhang thematisiert es Biographien und Handlungsstrukturen der Beteiligten. Es untersucht das Zusammenwirken von Staat und Gesellschaft, von Politik und Bürokratie, von Wissenschaft, Gesundheits-, Wohlfahrts- und Fürsorgeinstitutionen, es schaut auf die Relationen mit und zwischen den jeweiligen Personen(-gruppen) seit der Etablierung des Sozialstaates bis in die jüngste Vergangenheit. Es zielt darauf, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Erfahrungen und Erinnerungen im langen 20. Jahrhundert, in Ost- und Westeuropa, in den Ländern diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs zu erforschen. Dabei geht es um interdisziplinäre Diskurse in Geschichte und Psychologie, Pädagogik und Soziologie sowie Medizingeschichte.

Der Begriff "Asozialität" entstand bereits mit dem Sozialstaat. Mit ihm wurden diejenigen gekennzeichnet, die nicht den gängigen Mustern von Lohnerwerb und Lebensweise entsprachen. Er kennzeichnete vielfach Unterschichtengruppen, doch auch politisch Unbequeme oder kulturell Abweichende und wurde in Zusammenhang von Kriminalität und Unordnung gestellt. An der Konstruktion des Stereotyps waren nicht nur die Sicherheits- und Geheimbürokratie beteiligt. Neben den Fürsorge-, Gesundheits- und Wohlfahrtsinstitutionen positionierte sich die Wissenschaft dort deutlich und trieb exkludierende Forschungen voran. Die Konsequenzen zeigten sich in der weithin unwidersprochenen Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik im "Dritten Reich", die seit den ersten Studien von Detlef Peukert, Wolfgang Ayass, Klaus Scherer, Michael Zimmermann und Gisela Bock späten Eingang in die geschichtswissenschaftliche Forschung gefunden haben.

Bis heute gehören "Asoziale" zu jenen, die nur bedingt oder nicht als Opfer der NS-Morde anerkannt wurden. In den staatssozialistischen Ländern diente "Asozialität" als Projektion für weitreichende geisteswissenschaftliche, medizinische, biologistische, kriminologische und polizeiliche sowie Fürsorge- und Erziehungsdiskurse, aus denen sich Selbstverständnisse der Beteiligten ablesen lassen, die eine zum Teil ungebrochene Identifikation mit den Ausgrenzungspostulaten der NS-Zeit spiegeln. Das zeigt sich auch in räumlichen Repräsentationen, so in Tradition und Funktion von geschlossenen Institutionen wie Kinder- und Jugendheimen, Psychiatrien, medizinischen Sonderstationen, Arbeitslagern und Gefängnissen. In den staatssozialistischen Ländern formten diese als weit verzweigtes Disziplinierungsnetz das sozialistische Menschenkollektiv ganz anders, als in der Propaganda verlautbart.

Dass die Problematik weiter wirkt, bestätigt einerseits die vielfach unreflektierte Weiterverwendung des Konstrukts. Auch der Blick auf Rehabilitierungsverfahren von Personen, die wegen vermeintlicher Asozialität verurteilt bzw. verfolgt waren, zeigt, wie sehr sich in den nach 1945 und auch nach 1989 transformierten Gesellschaften soziales Leben aus Ausblendung und Vergessen, aus Abwertung und Ausgrenzung speiste.

Der Zusammenhang zwischen politisch-sozialer Gesetzgebung und Politik, zwischen politisch-kulturellem "Eigen-Sinn" und Disziplinierung wurde bis heute nur ausnahmsweise thematisiert. Damit wird seine politische und sozialkulturelle Funktion verwischt. Die herrschaftssprachlichen Zuschreibungen sind offenbar so weit angeeignet worden, dass Traditionen der Abwertung und Ausgrenzung vielfach der Selbst-Vergewisserung dienen. Auch die aktuell gegründeten Auffanglager, Camps und Sicherheitszonen stehen in dieser Tradition, die militärisch konnotierte Sicherheiten dort schafft, wo zivile Humanität dringlich ist.

Eingeladen, am Netzwerk mitzuarbeiten, sind alle, die sich wissenschaftlich reflektiert mit der Problematik beschäftigen. Vorschläge für Workshops, Tagungen und schriftliche Beiträge sind jederzeit willkommen.

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