Geschichtswissenschaft und digitale Medien in den USA
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Digital
History hat in den USA in den letzten Jahren eine zunehmend größere
Bedeutung für die Geschichtswissenschaft erlangt. Davon zeugt nicht nur
das gleichnamige, 2006 erschienene Buch von Daniel J. Cohen und Roy
Rosenzweig[1],
eine der bislang besten Einführungen in das Thema, sondern auch die
Tatsache, dass die American Historical Association (AHA) sich in den
letzten Jahren regelmäßig mit der Frage auseinandergesetzt hat, welche
Bedeutung die neuen digitalen Medien für das Fach haben (werden). Im
September 2009 wurde sogar ein Technology Advisory Committee
eingerichtet, um ein Konzept für die Entwicklung der Website der AHA
und ihrer digitalen Publikationen für die nächsten Jahre zu erarbeiten.[2] Perspectives on History, das Newsmagazine der AHA, hat diese Diskussionen zumeist begleitet und dokumentiert. Die knappen Essays der Intersections: History and New Media
in der Ausgabe vom Mai 2009 geben einen kursorischen Einblick in den
aktuellen Stand der Diskussion. Auch wenn sich die Digital History noch
nicht so weit kanonisiert hat, dass es eine feste, allgemein anerkannte
Definition gibt, so besteht doch mittlerweile ein gewisser Konsens
darüber, dass sie folgende Bereiche umfasst[3]:
- Die Digitalisierung von Zeugnissen der Vergangenheit wie der geschichtswissenschaftlichen Publikationen.
- Die Zurverfügungstellung und langfristige Archivierung genuin digitaler Quellen.
-
Die Nutzung und Analyse digitalisierter und genuin digitaler
Quellenmaterialien unter Einschluss der dadurch neu entstandenen
methodischen Möglichkeiten sowie die theoretische Reflexion auf neue
epistemologische Optionen, welche digitalisierte Quellen ermöglichen.
-
Die Publikation von Forschungsergebnissen und die Darstellung
historischer Themen in digitaler Form unter Nutzung der hypertextuellen
und multimedialen Optionen der neuen Medien.
Interessant und
möglicherweise innovativ wird digitale Geschichtswissenschaft natürlich
erst dann, wenn sie das digitale Medium für neue Fragestellungen, neue
Formen der Quellenanalyse und der Präsentation ihrer Ergebnisse nutzt.
Dafür gibt es freilich auch in den USA nur erste Ansätze und Beispiele
mit Websites wie Valley of the Shadows oder den verschiedenen Projekten des Center for History and New Media,
auf die noch näher eingegangen wird. Weit fortgeschritten ist freilich
in vielen Bereichen bereits die Digitalisierung von Quellen und
gedruckten Fachpublikationen.
Den ersten Schub erhielt die
Digital History in den USA daher zunächst weniger durch die
Fachhistoriker selbst als durch große Digitalisierungsprojekte von
Bibliotheken, Verlagen und Archiven. Ein Vorreiter war die Library of
Congress mit ihrem Projekt American Memory,
dazu kamen rasch weitere Forschungsbibliotheken mit eigenen
Digitalisierungsprojekten. Während die Bibliotheken meist ausgewählte
Bestände, alte Drucke, handschriftliche Materialien, aber auch frühe
Ton- und Filmdokumente digitalisierten und zu thematischen Sammlungen
zusammenfügten, nutzte der Verlag Readex, der seit den 1950er-Jahren in
Zusammenarbeit mit der American Antiquarian Society systematisch die
frühneuzeitlichen amerikanischen Drucke verfilmt hatte und als
Mikroformpublikation vertrieb, die digitale Option, um mit Early American Imprints die amerikanische Buchproduktion von 1639 bis 1819, insgesamt über 80.000 Titel, online anzubieten. Parallel dazu wurde mit JSTOR
ein not-for-profit-Unternehmen aufgebaut, das für die Geistes- und
Gesellschaftswissenschaften die wichtigsten Fachzeitschriften
vollständig digitalisierte.[4]
Robert
Darnton, der sich als Historiker intensiv mit der Mediengeschichte des
18. Jahrhunderts beschäftigt hatte und wohl aufgrund dieser Erfahrung
auch mit Neugier und Interesse die aktuellen Medienumbrüche beobachtete
und reflektierte, begann 1999, in seiner Zeit als Präsident der AHA,
das Thema verstärkt in den Fokus der amerikanischen
Geschichtswissenschaft zu rücken.[5] Mit dem Gutenberg-e Program
initiierte er in Kooperation mit der Columbia University Press ein
Projekt, bei dem herausragende Dissertationen in neuer digitaler Form
publiziert wurden. Parallel dazu begann der American Learned Society
Council mit dem History E-Book Project, das mittlerweile zum ACLS Humanities E-Book
ausgeweitet wurde. Beide Projekte brachten freilich keinen Durchbruch
zum digitalen Publizieren in der amerikanischen Geschichtswissenschaft,
die Zunft blieb auch in Amerika weiterhin der klassischen gedruckten
„großen“ Monographie verpflichtet; doch die AHA gab zunehmend Anstöße
sich mit dem Thema digitale Medien auseinanderzusetzen. Die Website der AHA
entwickelte sich auch zu einem wichtigen Informationsportal für die
amerikanische Geschichtswissenschaft. In einem Blog wird regelmäßig
über Neuigkeiten informiert; Perspectives online gibt in kurzen Beiträgen Informationen zu aktuellen Entwicklungen; mit dem Projekt History Cooperative, der digitalen Ausgabe zentraler Zeitschriften des Faches, wie der American Historical Review, oder dem Directory of History Departments and Organizations in the United States and Canada
und anderen Angeboten wurde der Fachverband sogar zu einem Provider von
Fachinformationen. Daran hatte nicht zuletzt auch Roy Rosenzweig
(1950-2007) als Vizepräsident der AHA seinen Anteil. Seit seinem frühen
Tod vergibt die AHA in Kooperation mit dem Center for History and New
Media auch jährlich den „Roy Rosenzweig Prize in History and New Media“
„… for an innovative and freely available new media project that
reflects thoughtful, critical, and rigorous engagement with technology
and the practice of history”[6].
Das 1994 von Roy Rosenzweig gegründete Center for History and New Media
ist derzeit auch die im Bereich Digital History profilierteste
Einrichtung in den USA und mit ca. 50 Mitarbeitern auch eine der
größten ihrer Art. Mit Zotero
hat sie ein international weit verbreitetes, frei verfügbares
Softwareprodukt zur Verwaltung von Literaturzitaten und recherchierten
Websites entwickelt. Neben der Erstellung von Software für die
Geisteswissenschaften liegt ein deutlicher Schwerpunkt der Arbeit des
CHNM auf der Produktion thematisch fokussierter Websites, die
beispielhaft zeigen sollen, über welche Möglichkeiten der Erschließung,
Präsentation und Auswertung digitalisierter Quellen Historiker
mittlerweile verfügen können. Auch wenn die Mehrzahl dieser
„Publikationen“ sich mit Themen der amerikanischen Geschichte
beschäftigt, so hat das CHNM mit 1989. The World in the Making
doch auch eine international beachtete Website zur aktuellen
Zeitgeschichte mit Schwerpunkt auf Osteuropa aufgelegt. Vor allem zur
Unterstützung der akademischen Lehre gibt es noch eine Reihe weiterer
Produkte, wie den History Syllabus Finder oder History Matters, einen Katalog geschichtswissenschaftlich relevanter Websites.
Das 1998 von Edward L. Ayers und William G. Thomas III. gegründete Virginia Center for Digital History
konzentriert sich im Unterschied zum CHNM weitgehend auf die
Publikation fachlicher Websites. Das mag auch damit zusammenhängen,
dass einer der Gründer, Edward L. Ayers, in den Jahren zuvor bereits
begonnen hatte, eine der frühesten und zugleich immer noch
interessantesten, thematisch spezialisierten Websites zu einem
zentralen Thema amerikanischer Geschichte, dem Sezessionskrieg, zu
publizieren: Valley of the Shadows.
Hier versuchte er prototypisch zu zeigen, welche Optionen das neue
Medium für die Digitalisierung, Präsentation und Auswertung
unterschiedlichster Quellenformen bietet. Mittlerweile sind unter dem
Dach des Virginia Center eine Reihe weitere, nicht mehr ganz so
umfangreiche und etwas weniger ambitionierte
geschichtswissenschaftliche Websites entstanden, die aber immer noch
einen guten Eindruck davon geben, wie in den USA solche thematischen
Sites vor allem auch für die Lehre erstellt und eingesetzt werden.
Auch
wenn die amerikanische Geschichtswissenschaft in ihrer Mehrheit
traditionellen Publikationsformen verhaftet ist und der klassische
Publikationsweg eines akademischen Historikers immer noch darin
besteht, seine Doktorarbeit in einer überarbeiteten Version als erstes
Buch bei einer University Press zu publizieren, so kann man insgesamt
doch zugleich eine Aufgeschlossenheit gegenüber digitalen Medienformen
feststellen, die in einer Fülle fachlich fokussierter Websites ihren
Ausdruck finden, auch wenn diese im wesentlichen immer noch der
digitalen Aufbereitung von Quellenmaterial und dem Einsatz in der Lehre
und weniger der Publikation und Diskussion von Forschungsergebnissen
verpflichtet sind. Da es sehr viele Digitalisierungsprojekte bei
Forschungsbibliotheken, den State Archives wie den regionalen
Historical Societies gibt, können Historiker mittlerweile auch auf eine
ansehnliche Zahl digitalisierter Quellen für solche Zwecke
zurückgreifen. Da auch die wichtigsten Zeitschriften des Faches und
zunehmend auch Monographien in digitalen Parallelausgaben zur Verfügung
stehen, von bibliographischen Datenbanken und Katalogen ganz zu
schweigen, spielen digitalisierte – nicht genuin digitale – Medien
nicht nur für die Lehre, sondern auch die Forschungsarbeit eine
wichtige Rolle. Auch ein Historiker, der seine eigenen Studien zur
amerikanischen Geschichte noch traditionell publiziert, wird bei seinen
Forschungen bereits in nicht unerheblichem Umfang auf digitalisierte
Medien zurückgreifen können. In dieser Hinsicht ist die amerikanische
Geschichtswissenschaft also bereits sehr umfassend einer Digital
History verpflichtet. Das Ausprobieren neuer methodischer Optionen,
welche digitale Quellen zu versprechen scheinen, befindet sich indes
erst in den Anfängen.[7]
Der Autor: Dr. Wilfried Enderle ist Fachreferent für Geschichte an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen und betreut dort unter anderem das Sondersammelgebiet für die Geschichte des angloamerikanischen Kulturraums.
Zitation: Wilfried Enderle, Guide USA. In: Clio-online, 09.10.2009, <http://www.clio-online.de/guides/usa/enderle2009>.
[1]
Daniel J. Cohen / Roy Rosenzweig: Digital History. A Guide to
Gathering, Preserving, and Presenting the Past on the Web, Philadelphia
2006.
[2]
AHA Establishes Technology Advisory Committee
http://blog.historians.org/news/877/aha-establishes-technology-advisory-committee.
[3]
Vgl. dazu vor allem Douglas Seefeldt / William G. Thomas: What is
Digital History? A Look at Some Exemplar Projects. In: Perspectives May
2009
http://www.historians.org/perspectives/issues/2009/0905/0905for8.cfm.
[4] Vgl. Roger C. Schonfeld: JSTOR. A History, Princeton 2003.
[5]
Vgl. Robert Darnton: An Early Information Society. In: American
Historical Review, Bd. 105, 2000
http://www.historycooperative.org/journals/ahr/105.1/ah000001.html;
Ders.: The New Age of the Book. In: The New York Review of Books, Bd.
46 (5), March 18, 1999 http://www.nybooks.com/articles/546;
Ders.: What Is the Gutenberg-e Program? May 7, 2007
http://www.historians.org/PRIZES/gutenberg/rdarnton2.cfm.
[6]
http://blog.historians.org/news/426/american-historical-association-and-the-center-for-history-and-new-media-at-george-mason-university-announce-new-prize.
[7]
Dies indizieren Projekte wie Bamboo http://projectbamboo.org,
das seit 2006 jährlich stattfindende Chicago Colloquium on Digital
Humanities http://dhcs2009.iit.edu/ oder auch die Digital
Humanities at Yale http://digitalhumanities.yale.edu.
Digitale Informationsressourcen: Fachbibliographische Datenbanken und Fachkataloge zu Websites
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Einige
der umfassendsten und wichtigsten Ressourcen, welche derzeit gleichsam
den digitalen Unterbau der amerikanischen Geschichtswissenschaft
bilden, sollen im Folgenden vorgestellt werden. Begonnen wird mit
Rechercheinstrumenten, um dann auf digitale Inhalte, vor allem Quellen,
aber auch Publikationen überzugehen.
Fachbibliographische Datenbanken und Bibliothekskataloge
Seitdem
1991 die 1902 begründeten Writings on American History, die von der AHA
für das Fach herausgegebene Bibliographie, ihr Erscheinen eingestellt
hatten, ist die erstmals 1964 vom Verlag ABC-Clio publizierte
Fachbibliographie America: History & Life
konkurrenzlos. Für jeden Amerikahistoriker ist dieses Produkt, das 2007
von EBSCO Publishing erworben wurde, die derzeit einzige umfassende
fachbibliographische Datenbank, die mittlerweile auch über eine halbe
Million Titel nachweist. Ausgewertet werden ca. 1.700
Fachzeitschriften, wobei über eine Verlinkung zu digitalen
Zeitschriften, wie sie von JSTOR oder History Cooperative angeboten
werden, zum Teil auch der direkte Zugriff auf die Volltexte möglich
ist. Da es sich um ein Produkt eines kommerziellen Verlages handelt,
haben nur diejenigen Historiker Zugriff, deren Universitätsbibliothek
eine Subskription erworben hat. In Deutschland gibt es jedoch auch die
Option einer pay-per-use-Nutzung, die von der Niedersächsischen Staats-
und Universitätsbibliothek Göttingen angeboten wird.[1]
Eine
zunehmend interessantere Rolle für fachbibliographische Recherchen
spielen in den letzten zwei Jahrzehnten Online-Kataloge von
Bibliotheken, die ohnehin in den Fällen, in denen noch kein direkter
Zugriff von der Fachbibliographie auf den digitalisierten Volltext
angeboten wird, für Bestandsnachweisrecherchen unerlässlich sind. Ein
nicht auszuschöpfendes Reservoir an bibliographischen Daten bieten hier
natürlich die Kataloge von Forschungsbibliotheken großer amerikanischer
Universitäten wie Harvard, Columbia, Yale, Stanford oder Berkeley oder
auch der weltweit größte bibliothekarische Verbundkatalog, der WorldCat von OCLC. Aufgrund ihrer umfassenden Bestände spielt natürlich auch die Library of Congress eine zentrale Rolle. Und in Zukunft wird dies wohl auch – zumindest für die gemeinfreien Werke – Google Books tun. Ausführliche Informationen zur Nutzung bibliothekarischer Kataloge und Informationsressourcen gibt der Clio-Guide Bibliotheken, weshalb hier nur auf einige Kataloge von Spezial- und Fachbibliotheken verwiesen werden soll.
Für die Geschichte der Frühen Neuzeit wie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bietet die American Antiquarian SocietyA
National Research Library of American History, Literature & Culture
through 1876, umfassende Bestände an; ebenso kann hier die 1919
gegründete Huntington Library
genannt werden, die sich für den Bereich der frühneuzeitlichen
Geschichte wie auch der Geschichte des amerikanischen Westens als eine
der umfassendsten Spezialbibliotheken ihrer Art versteht. In
Deutschland besitzt die Niedersächsische Staats- und
Universitätsbibliothek Göttingen, die mit Unterstützung der Deutschen
Forschungsgemeinschaft das Sondersammelgebiet zur Geschichte des
angloamerikanischen Kulturraums betreut, eine der umfassendsten
Sammlungen an Sekundärliteratur zur Geschichte der USA auf dem
europäischen Kontinent. Über vierteljährliche Neuwerbungslisten
sowie einen systematischen Online-Katalog kann man sich kontinuierlich
über die Neuwerbungen informieren oder gezielt nach thematisch
relevanten Publikationen suchen. Die Virtual Library of Anglo-American Culture & History
bietet den direkten Zugriff auf diese Services wie auch die Links zu
weiteren digitalen Sammlungen. Insbesondere zur Sozialgeschichte der
USA besitzt auch die Bibliothek des John-F-Kennedy-Instituts der Freien Universität Berlin umfassende Bestände und Mikroformensammlungen. An der Universitätsbibliothek Mainz wird eine USA-Bibliothek mit einem Bestand von über 60.000 Bänden gepflegt.
Fachkataloge zu Websites
Wer
seine Recherchen über den Kreis der klassischen Fachliteratur hinaus
ausdehnen und auch relevante Websites einbeziehen will, kann einige
spezialisierte Fachkataloge und –verzeichnisse nutzen, die
ausschließlich geschichtswissenschaftliche Websites erschließen und
dazu einen fachsystematischen Einstieg bieten. Einen Fachkatalog
geschichtswissenschaftlicher Websites mit Schwerpunkt auf der
angloamerikanischen Geschichte stellt der History Guide
dar, der an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek
Göttingen in Kooperation mit dem Netzwerk Internetressourcen Geschichte[2] betrieben wird und dessen Daten zugleich über das Webverzeichnis von Clio-Online suchbar sind. Ein umfassendes Verzeichnis ausgewählter Websites bietet auch History Matters des CHNM an. Opening History: US History Resources from Libraries, Museums, and Archives
des Institute of Museum and Library Services (IMLS) bietet einen guten
Überblick über Digitalisierungen von Quellenmaterial an Bibliotheken
und Museen in den USA, die mit Mitteln des IMLS gefördert worden waren.
Derzeit werden über 730 Projekte aufgeführt.
Digitale Medien: Digitalisierte Sammlungen
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Welche Möglichkeiten hat aber nun ein
recherchierender Historiker, über das Netz auch direkt an digitale
Materialien zu gelangen? Am besten stehen seine Chancen, wenn er nach
Quellen sucht, denn das Angebot an digitalisierten Quellenmaterialien
zur Geschichte der USA dürfte unter den westlichen Staaten das
mittlerweile umfassendste sein.
Alte Drucke, Zeitungen, archivalische Quellen – digitalisierte Sammlungen von Verlagen
Die
in quantitativer Hinsicht umfassendsten digitalisierten Sammlungen
haben in den letzten Jahren kommerzielle Verlage aufgebaut, wobei für
in Deutschland arbeitende Wissenschaftler einige der wichtigsten
Produkte über von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte
Nationallizenzen frei zugänglich sind.[1] Auf diesem Weg besteht Zugriff auf die Early American Imprints,
die digitale Version einer Mikroformensammlung, die basierend auf der
American Bibliography von Charles Evans in einer ersten Serie 37.000
Bücher im Volltext zugänglich macht, die zwischen 1639 und 1800, und in
einer zweiten Serie nochmals ca. 36.000 Bücher, die von 1801 bis 1819
in Amerika erschienen waren. Damit ist der frühneuzeitliche
Publikationsraum für diese Region zu großen Teilen in digitaler Form
zugänglich.
Eine zweite wichtige Quellengruppe, für die es
nunmehr große digitalisierte Sammlungen gibt, sind Zeitungen des 18.
und 19. Jahrhunderts. Auch hier sind an erster Stelle zwei kommerzielle
Produkte zu nennen: America’s Historical Newspapers von
Readex, die ca. 1.100 digitalisierte amerikanische Zeitungen von 1690
bis 1922 umfassen und zwar in einer weitgehend alle Bundesstaaten
umfassenden repräsentativen Auswahl, sowie die Nineteenth Century U.S. Newspapers
des Verlags Cengage, die fast 400 Zeitungen umfassen. Dazu kommen noch
frei zugängliche digitalisierte Zeitungen, wobei hier neben regionalen
Aktivitäten wie zum Beispiel der Illinois Digital Newspaper Collection vor allem das von der Library of Congress 2004 gestartete National Digital Newspaper Program angeführt werden muss,
ein Langzeitvorhaben mit dem Ziel einer umfassenden Digitalisierung
amerikanischer Zeitungen, die zwischen 1836 und 1922 erschienen sind,
also den Jahrgängen, die nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen.
Dass
zunehmend nicht nur für die Frühe Neuzeit, sondern auch das 19. und zum
Teil auch das 20. Jahrhundert digitalisierte Quellen existieren, macht
auch der US Congressional Serials Set, 1819-1980
deutlich, eine umfassende Sammlung von Materialien des Kongresses und
amerikanischer Regierungsbehörden. Insgesamt handelt es sich um 350.000
Reports und Journals sowie 52.000 Karten, wobei hier vielfach nicht nur
zur Geschichte der USA relevante Informationen zu finden sind, sondern
auch zu all den Ländern, mit denen die USA intensivere Beziehungen
pflegten. Ergänzt wird diese Sammlung der Firma Readex durch Making of Modern Law, U.S. Supreme Court Records and Briefs, 1832-1978, ein Produkt von Cengage. Beide sind in Deutschland über eine Nationallizenz frei zugänglich.
Digitalisierte
archivalische Quellen gibt es auch für die jüngere Zeitgeschichte,
soweit sie entsprechend der amerikanischen Archivgesetze bereits
„declassified“ sind. Zu nennen wären hier Declassified Documents Reference Systems von Cengage sowie das Digital National Security Archive.
Das National Security Archive ist ein mit der George Washington
University verbundenes Forschungsinstitut, das seine Quellensammlung
über den Verlag ProQuest vertreibt, zusätzlich aber auch Teile davon
frei im Internet anbietet.[2] Interessante Quellen zur Außenpolitik enthält auch die Serie Foreign Relations of the United States, die 1861 beginnt und bis in die 1970er-Jahre reicht.
Digitale Medien: Quellensammlungen von Bibliotheken, Historical Societies und Archiven
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Neben
einigen größeren Verlagen waren und sind es vor allem die Bibliotheken,
die in den USA begonnen haben, ihre historischen Sammlungen zu
digitalisieren. Eines der auch international renommiertesten
Vorreiterprojekte war und ist das bereits erwähnte American Memory Project der
Library of Congress. Bereits 1990 begann die Kongressbibliothek mit
einem Pilotprojekt, bei dem sie die Möglichkeiten testete, Teile ihrer
historisch interessanten Sammlungen zu digitalisieren, wobei beim
damaligen Stand der Technik ursprünglich beabsichtigt war, diese dann
über das Medium CD-ROM zu vertreiben. Mit dem rasanten Erfolg des World
Wide Web, welches die Distribution grafischer Inhalte, also auch
digital faksimilierter Handschriften, Fotos und Bücher, über das
Internet erlaubte, wurde das technische Konzept aktualisiert und im
Rahmen des National Digital Library Programs
eine umfangreiche Website aufgebaut. Die primäre Zielgruppe waren und
sind dabei nicht in erster Linie die wissenschaftlich arbeitenden
Historiker, sondern der Bereich der Public History, wobei vor allem
auch an den Unterricht in Schulen (K12-level) und Colleges gedacht ist.
Für die Library of Congress, de facto die amerikanische
Nationalbibliothek, geht es dabei auch darum, der amerikanischen
Öffentlichkeit Teile ihres historischen Erbes unmittelbar zugänglich zu
machen: „It is a digital record of American history and creativity.
These materials, from the collections of the Library of Congress and
other institutions, chronicle historical events, people, places, and
ideas that continue to shape America, serving the public as a resource
for education and lifelong learning”[1].
Ungeachtet
dieser breiten Zielsetzung bietet die eindrückliche Fülle des
zugänglichen Materials auch für die akademische Lehre und teilweise die
wissenschaftliche Forschung interessante und auf diesem Weg weltweit
zugängliche Materialien. Was wird nun konkret angeboten? Aktuell sind
es über hundert thematische Sammlungen mit ca. 9 Mio. digitalisierten
Objekten, also Fotos, archivalischen Quellen, Filmen, Tondokumenten,
Büchern, Karten usw. Natürlich steht die amerikanische Geschichte im
Vordergrund. Sammlungen zu den bedeutenden Präsidenten,
beginnend mit George Washington über Thomas Jefferson und Abraham
Lincoln bis Theodore Roosevelt wären hier zu nennen, wie auch Papers
von Frederick Douglass oder andere spezifische Sammlungen zur
afroamerikanischen Geschichte. Kulturhistorisch interessante
Materialien bieten Sammlungen wie Emergence of Advertising in America, 1850-1920 oder Fifty Years of Coca-Cola Television Advertisements, um nur einige Beispiele aus diesem Bereich zu nennen. Wie breit das thematische Spektrum ist, illustrieren auch The Hannah Arendt Papers at the Library of Congress, die interessanterweise im Rahmen von „American Memory“ digitalisiert wurden.[2]
Die zweite große bibliothekarische Website mit digitalen Materialien zur Geschichte der USA ist Making of America,
eine „digital library of primary sources in American social history
from the antebellum period through reconstruction“, wie es in der
Selbstbeschreibung des Projektes heißt. Projektstart dieses gemeinsamen
Unternehmens der Bibliotheken der University of Michigan und der
Cornell University war 1995. Im Unterschied zu dem medial sehr breit
angelegten Projekt der Library of Congress werden hier ausschließlich
Bücher und Zeitschriften aus dem 19. Jahrhundert digitalisiert, also
zeitgenössische textuelle Materialien, wobei mit einem breiten
Quellenbegriff gearbeitet wurde, da es sich überwiegend um publizierte
Materialien handelt, worunter neben Autobiografien, Reisebeschreibungen
u.a. auch zeitgenössische historische Abhandlungen fallen. Immerhin
enthält die Website mit fast 10.000 digitalisierten Büchern und 50.000
Aufsätzen vornehmlich aus dem 19. Jahrhundert eine ausreichende Menge
an Materialien, welche in vielen Fällen eine Recherche lohnen. Wobei
freilich gerade die Recherche einer der Schwachpunkte der Site ist.
Zwar wurden auch einige Materialien in thematischen Sammlungen
zusammengefasst, die Hauptsuchmöglichkeit besteht aber nur in der
direkten Suche nach Titeln (über Titelstichworte oder das mühsame
Blättern in alphabetischen Listen).
Diese Beispiele zeigen,
dass zur amerikanischen Geschichte ein beeindruckendes Corpus an
digitalisierten Quellenmaterialien existiert, das noch ergänzt wird um
eine Vielzahl weiterer, oft regional oder thematisch fokussierter
Websites, die ebenfalls schwerpunktmäßig archivalische Quellen, Karten,
Fotos oder auch alte Drucke digital anbieten. Daraus eine sinnvolle
Auswahl zusammenzustellen ist freilich schwierig, weshalb hier nur noch
kursorisch einige Beispiele genannt seien, um das Spektrum der Optionen
anzudeuten.[3] Neben den Cornell University Library Historical Monographs (mit über 400 Monografien aus allen Bereichen der Geschichte) oder dem Open Collections Program der Harvard University Library sollte sicherlich noch das Projekt Documenting the American South der
Library der University of North Carolina at Chapel Hill angeführt
werden, das sich im Unterschied zu den anderen Sites dadurch
unterscheidet, dass es seine Bücher nicht als digitale Faksimiles,
sondern in XML- und HTML anbietet, so dass die einzelnen Texte auch
direkt nach bestimmten Begriffen durchsucht werden können.
Darüberhinaus werden hier auch Bilder und Audio files angeboten, wobei
der inhaltliche Schwerpunkt auf der Geschichte und Kultur der
amerikanischen Südstaaten von der Kolonialzeit bis zu Beginn des 20.
Jahrhunderts liegt. Die University of Wisconsin-Madison Libraries
bieten für Historiker eine Reihe interessanter Digital Collections an, ebenso wie die Rare Book, Manuscript and Special Collections Library der Duke University.
Neben
den Forschungsbibliotheken an Universitäten, die Teile ihrer
Spezialsammlungen digitalisieren, haben auch einige regionale und
lokale Historical Societies in den letzten Jahren meist kleinere
Digitalisierungsvorhaben begonnen. Im Unterschied zu den deutschen
Geschichts- und Altertumsvereinen haben sich die Historical Societies
in den Vereinigten Staaten als Institutionen mit eigenen archivalischen
Sammlungen und Spezialbibliotheken etabliert, weshalb sie gerade für
die regionalhistorische Forschung eine zentrale Bedeutung haben. Ein
Beispiel für frühe Aktivitäten im Bereich der digitalen Vermittlung
ihrer Materialien gibt die Chicago Historical Society mit The Haymarket Affair Digital Collection. Die Massachusetts Historical Society bietet zum Beispiel die Adams Family Papers
an, unter anderem mit dem Diary von John Adams, dem zweiten Präsidenten
der USA. Auch die State Historical Society of Wisconsin hat mit American Journeys. Eyewitness Accounts of Early American Exploration and Settlement: A Digital Library and Learning Center,
welche 18.000 digitalisierte Seiten enthält, ein für die Forschung
interessantes Projekt realisiert. Weitere Beispiele ließen sich nennen,
wobei die Projekte der Historical Societies in den meisten Fällen nicht
nur für die wissenschaftliche Forschung, sondern ebenso auch für die
interessierte amerikanische Öffentlichkeit gemacht werden. Interessant
ist, dass – nicht nur in diesem Kontext – gerade auch die
Digitalisierung von Fotografien, von historischen Aufnahmen, welche die
Entwicklung von Regionen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
illustrieren, einen beachtlichen Umfang erreicht hat.[4]
Im
Vergleich zu den Aktivitäten der Forschungsbibliotheken der
amerikanischen Universitäten und der Historical Societies hat die National Archives and Records Administration (NARA) relativ spät mit Digitalisierungsvorhaben begonnen, so dass sie derzeit mit dem Archival Research Catalog (ARC)
hauptsächlich ihre Repertorien über das Netz anbieten, Dokumente aber
nur in kleinerem Umfang für Lehrzwecke digitalisiert haben.[5] Immerhin bieten sie über die Archival Databases
auch Zugriff auf genuin digitale Quellen an. Derzeit sind es ca.
200.000 Dateien, die im Bestand der NARA sind. Im Unterschied zur NARA
haben einige der regionalen Archive bereits früher begonnen, Sammlungen
zu digitalisieren, wie zum Beispiel die Maryland State Archives mit
ihrem Angebot Archives of Maryland Online
Betrachtet
man die Vielzahl digitalisierter Sammlungen der verschiedenen
Institutionen im Überblick, so wird erkennbar, dass es durchaus Themen
gibt, die über solche Sammlungen quellenmäßig gut abgedeckt sind. Ein –
nicht überraschender – Befund ist zum Beispiel, dass Papers
amerikanischer Präsidenten in nicht unerheblichem Umfang bereits
digital zugänglich sind. Zu George Washington hat die Library of
Congress 65.000 Dokumente digitalisiert; daneben gibt es auch eine digitale Version der gedruckten Edition seiner Schriften. The Diaries of John Quincy Adams sind online wie auch The Papers of John Jay, von Thomas Jefferson sowie von James Madison.
Zu Abraham Lincoln hat die Library of Congress die Alfred Whital Stern
Collection of Lincolniana digitalisiert sowie natürlich auch seine
papers zusammengefasst als Mr. Lincoln’s Virtual Library.[6] The American Presidency Project der
Historiker John Woolley und Gerhard Peters gibt Zugriff auf ausgewählte
Quellen der Präsidenten seit 1929, also von Herbert Hoover bis zur
Gegenwart. Zu George H. W. Bush, Bill Clinton und George W. Bush gibt
es digitale Versionen der gedruckten Papers über die Public Papers of the Presidents of the United States des U.S. Government Printing Office.
Digitale Medien: Thematische Websites
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Kennzeichnend für die bislang
aufgezählten digitalen Sammlungen ist, dass es sich in der Regel nicht
um klassische Editionen handelt, sondern um eine reine Digitalisierung
von Archivmaterialien, alten Drucken, Zeitungen oder parlamentarischen
Reports. Der Leser kann die Quellen nutzen als ob er vor Ort im Archiv
oder einer Bibliothek säße. Für die Digitalisierung wurden entweder
formale Kriterien zugrundegelegt, also alle Bücher einer bestimmten
Epoche oder das Genre der Zeitungen etc; oder es wurden aus
existierenden Sammlungen bestimmte thematisch zusammengehörende
Bereiche herausgegriffen. Gerade bei den letzteren Beispielen wird
erkennbar, dass die Digitalisierung von Quellen Potential für die
Entwicklung neuer Formen geschichtswissenschaftlichen Edierens und
Publizierens enthält, sobald man nicht vorgegebene Sammlungen
digitalisiert, sondern zu einem spezifischen historischen Thema unter
einer bestimmten Fragestellung Quellenmaterial sammelt, digitalisiert
und als Website publiziert. Das renommierteste und umfänglichste
Pionierprojekt dieser Art hat Edward L. Ayers mit Valley of the Shadows realisiert.[1]
Thematisiert
wird hier der amerikanische Sezessionskrieg oder genauer, die
Geschichte zweier Counties, von denen eines zu den Nordstaaten und das
andere zu den Südstaaten gehörte. Wer mit dieser Site arbeitet, wird
virtuell in eine Art schematisierte Fachbibliothek geführt mit einem
Reference Center, das bibliografische Informationen zum Thema gibt,
sowie in weitere Räume, die Zugang zu Quellen bieten wie Letters &
Diaries, Newspapers, Church Records, Maps, Census & Tax records
usw. Kern der Website ist also der Zugriff auf Quellen. Die
Beschreibung des Projektes fasst diese Intention auch knapp und präzise
zusammen: „The Valley of the Shadow is a digital archive of primary
sources that document the lives of people in Augusta County, Virginia,
and Franklin County, Pennsylvania, during the era of the American Civil
War. … The Valley of the Shadow is different than many other websites.
It is more like a library than a single book.”[2]
Die Integration datenbankbasierter Materialien mit statistischen
Angaben, die nach unterschiedlichen Kriterien abgefragt werden können,
ist aus medientechnischer Sicht eines der Features, dessen Präsentation
nur über ein digitales Medium möglich ist, und das in dieser Form und
Funktionalität kaum mehr in einem gedruckten Buch abzubilden ist.
Konzipiert und aufgebaut wurde diese Website seit 1991 von dem
Historiker Edward L. Ayers, der ein Buch über den Bürgerkrieg schreiben
wollte und zwar als komparatistische Studie von Nord- und Südstaaten.
Bei der Recherche nach Quellen, die sich rasch auf die genannten
Counties konzentrierte, entstand die Idee, diese Materialien auch für
andere Leser sichtbar zu machen. So wurde, ehe das Buch erschien, was
2003 der Fall war[3],
zunächst eine Website aufgebaut, welche die Quellenmaterialien für
dieses Buch aufbereitete. Eine digitale Aufbereitung größerer
Quellenmengen war freilich nicht mehr von einem einzelnen Historiker zu
leisten. Möglich wurde dies nur als Drittmittelprojekt und durch den
Aufbau des Institute for Advanced Technology in the Humanities (IATH)
an der University of Virginia. Umfangreichere thematische Websites
entstanden und entstehen daher in der Regel auch nur dort, wo
einschlägige Institutionen und Drittmittelgeber kooperieren. Ayers hat
denn auch als Konsequenz das Virginia Center for Digital History gegründet.
Die in medientechnischer Hinsicht innovativeren Produkte dieser Art wurden in den letzten Jahren vor allem am Center for History and New Media
durchgeführt. Pars pro toto sei die im Jahr 2000 mit dem Multimedia
Prize der American Association for History and Computing ausgezeichnete
Website DoHistorygenannt,
die am Film Study Center der Harvard University entstand und am CHNM
der George Mason University gehostet wird. Am Beispiel einer Quelle,
des Tagebuchs von Martha Ballard (1735-1812), sollen Studenten in die
Arbeit mit der Quelle und mit dem neuen Medium Website eingeführt
werden. Wobei inhaltlich im Zentrum die Frage steht, inwieweit dieses
Tagebuch Einsichten in das Alltagsleben, in die Mentalität in den
nordamerikanischen Staaten um 1800 geben kann. Ähnlich wie bei dem
Projekt von Edward L. Ayers war es auch hier ein traditionelles Buch,
das am Anfang stand, das Pulitzer-Preisgekrönte A Midwife’s Tale von
Laurel Thatcher Ulrich; und dazu ein Film, der auf der Basis dieses
Buches entstand.[4]
Der Erfolg von Buch und Film bot dann den Anlass, mit Hilfe des Mediums
Websites noch eine weitere Form anzubieten, welche den Einstieg in die
vergangene Welt der Martha Ballard erlaubt.
Das Gros der
thematischen Websites wurde, wie auch DoHistory zeigt, für die
akademische Lehre entwickelt; manche Websites sind sogar als Ergebnis
von Lehrveranstaltungen entstanden. Investigating U.S. History
ist ein Beispiel für eine Website, die Module für die Lehre an Colleges
anbietet und im Rahmen eines dreijährigen, von der National Endowment
for the Humanities geförderten Projektes entwickelt wurde.[5]
Publikationen
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Während es also bereits eine Fülle
digitalisierter Quellen gibt, steckt das genuine digitale Publizieren
noch in den Kinderschuhen. Eines der Leitprojekte der amerikanischen
Geschichtswissenschaft, Gutenberg-e,
das 1999 von der AHA auf Anstoß von Robert Darnton in Kooperation mit
der Columbia University Press ins Leben gerufen wurde, hat zwar 36 als
erstklassig bewertete Dissertationen genuin digital publiziert, doch
kein tragfähiges Finanzierungsmodell gefunden. 2008 wurde beschlossen,
die 36 digitalen Monographien open access anzubieten, wobei das
Urheberrecht weiterhin bei der Columbia University Press bleibt. Ob
über Gutenberg-e noch weitere Arbeiten publiziert werden, ist derzeit
wohl offen.[1] Freien Zugriff auf einige wenige Titel bietet eScholarship
der California Digital Library, darunter auch auf ca. 150 historische
Monografien. Mehr Inhalt bietet das vormalige History Ebook Project, das
vom American Council of Learned Societies organisiert und – wie
Gutenberg-e – von der Andrew W. Mellon-Foundation anschubfinanziert
worden war und mittlerweile als ACLS Humanities E-Book
über 2.000 klassische, retrodigitalisierte Monografien in digitaler
Form anbietet; freilich nicht kostenfrei, sondern nur über
Subskriptionen von Bibliotheken. Dazu kommt, dass anders als bei
Gutenberg-e hier nicht das digitale Publizieren gefördert wird, sondern
allein der digitale Zugriff auf gedruckte Bücher.
Digitale
Parallelausgaben gedruckter, klassischer Verlagsmonographien und
herkömmlicher Fachzeitschriften ist ein Feld, das in den letzten Jahren
in den USA insgesamt gut bestellt worden ist. Die großen Verlage bieten
ihre Produkte mittlerweile auch als Ebooks an, wobei die mittlerweile
zu OCLC gehörende NetLibrary wahrscheinlich die umfassendste Sammlung
aktueller Verlagsmonografien parallel zur gedruckten Ausgabe in
digitaler Form anbietet; derzeit über 200.000, darunter von Verlagen,
deren Verlagsprogramm auch ein breites Spektrum
geschichtswissenschaftlicher Titel enthält, wie Blackwell Publishing,
Brill Academic Publisher, Cambridge University Press, Columbia
University Press, Oxford University Press, Macmillan und andere mehr.[2]
Eine andere Konzeption steht hinter dem Cold War International History Project
des Woodrow Wilson International Center for Scholars. Hier werden im
Grunde Working Papers oder Aufsätze kombiniert mit der Edition
einzelner Quellenstücke, wobei die Site zugleich eingebettet ist in die
publizistischen Aktivitäten des Woodrow Wilson Center; und zudem mit
Rubriken wie News, Events, Scholars und auch zugleich versucht, den
Spezialisten, die in diesem thematischen Umfeld arbeiten, weitere
Informationsmöglichkeiten anzubieten. Hier geht es also nicht allein um
Quellen, sondern auch um digitale Publikationsmöglichkeiten und die
Organisation einer Site für ein thematisches Netzwerk von Forschern.[3]
Derzeit
am umfassendsten und daher interessantesten ist aber zweifelsohne das
Angebot an retrodigitalisierten Fachzeitschriften. Die wichtigsten
Zeitschriften zur amerikanischen Geschichte liegen komplett in
digitaler Form vor. Die älteren Jahrgänge (angefangen vom jeweils
ersten Band) kann man über JSTOR
nutzen; für die aktuellen Jahrgänge bieten die amerikanischen Verlage
meist über einschlägige Supplier (wie EBSCO oder ProQuest direct und
andere) neben der gedruckten Ausgabe auch den Zugriff auf eine
elektronische Version. Über History Cooperative
versucht auch die American Historical Association die Flaggschiffe der
amerikanischen Geschichtswissenschaft, wie die American Historical
Review oder das Journal of American History und einige weitere
Zeitschriften digital anzubieten. Ein weiteres wichtiges Unternehmen
ist das von der John Hopkins University Press betriebene Project Muse. Über ihre lokalen Universitätsbibliotheken, die mit der EZB (Elektronische Zeitschriftenbibliothek)
kooperieren, können Historiker in Deutschland auch rasch recherchieren,
inwieweit sie über ihre Universitätsbibliothek Zugriff auf die
digitalen Versionen der entsprechenden Zeitschriften haben. Eine
Nationallizenz in Deutschland gibt es für Periodicals Archive Online,
eine Sammlung digitalisierter Zeitschriften aus dem Bereich der Kultur-
und Sozialwissenschaften, das auch eine Reihe von Fachzeitschriften zur
amerikanischen Geschichte enthält.
Nachschlagewerke
Die
größeren gedruckten Fachenzyklopädien zur amerikanischen Geschichte
werden mittlerweile meist auch von Verlagen im Kontext eigener
e-Book-Sammlungen angeboten, freilich nicht kostenfrei, weshalb sie
hier auch nicht eigens thematisiert werden. Was in den letzten Jahren
begonnen hat, ist indes ein Trend, dass zu einzelnen Bundesstaaten oder
größeren Städten frei zugängliche, webbasierte Nachschlagewerke
aufgelegt werden, wie zum Beispiel die New Georgia Encyclopedia, die Ohio History Central Encyclopedia oder die Encyclopedia of Chicago.
Es bleibt abzuwarten, ob sich der Trend fortsetzt, so dass in Zukunft
zu den amerikanischen Regionen vergleichbare Nachschlagewerke
umfassender vorliegen werden.
History podcasts
Podcasts
zum freien Download für ein akademisches Publikum sind eine der
neuesten Entwicklungen, dürften aber in Zukunft wohl weitere
Verbreitung finden. Das Journal of American History hat seit Dezember 2008 Podcasts mit Interviews ihrer Autoren aufgelegt ebenso wie das National History Center. Über neue Bücher informieren Autoren in New Books in History. Einen ansehnlichen Bestand an digitalen Vorlesungen bietet bereits The Gilderman Lehrman Institute of American History an, aber auch einzelne Universitäten wie zum Beispiel die University of Virginia mit einer History section. Eine der umfangreichsten Sammlungen mit über 400 Videoclips dürften die Conversations with history
sein, die als Sammlung bei youtube aufgelegt sind. Daneben gibt es
bereits eine Reihe von auf spezialisierte Themenbereiche fokussierte
Institutionen und Websites, die einschlägige Podcasts anbieten.[4] Einen guten Einstiegspunkt bietet dazu der History News Service.[5]
Kommunikationsnetzwerke, Mailinglisten, news services und blogs
Im
Vergleich mit den zahlreichen Angeboten digitalisierter Zeitschriften
und Bücher bieten elektronische Diskussionslisten und
Kommunikationsnetzwerke eine echte mediale Innovation. Hier gibt es,
gerade im Bereich der Geschichtswissenschaft, ein sogar über das Fach
und die USA hinauswirkende Einrichtung, das bereits 1993 begründete H-Net, Humanities and Social Sciences Online.
Unter dem Dach des H-Net, das organisatorisch und technisch an der
Michigan State University betrieben wird, gibt es mittlerweile über 100
elektronische Diskussionslisten mit einem breiten, auch über die
amerikanische Geschichte hinausreichenden Spektrum, auch wenn das Gros
der über 100.000 Subskribenten wiederum immer noch vor allem aus dem
angloamerikanischen Raum kommt; wobei H-Soz-u-Kult, die einzige in
Deutschland organisierte Liste des H-Net, die sprichwörtliche Ausnahme
von der Regel darstellt. Über diese Diskussionslisten werden zu einem
nicht geringen Teil die aktuellen Fachinformationsbedürfnisse von
Historikern befriedigt. So gibt es Ankündigungen zu Konferenzen und
Workshops, Rezensionen, Inhaltsverzeichnisse neuer Zeitschriftenhefte,
aber auch Diskussionen zu spezifischen Themen. Da die Beiträge alle
archiviert werden, kann man sich auch leicht darüber informieren, was
in einzelnen Listen diskutiert und worüber informiert wird.
Weniger
als Kommunikationsnetzwerk für akademische Historiker, denn als
Informationsplattform für die historische interessierte Öffentlichkeit
ist der 1996 gegründete History News Service gedacht.
Hier schreiben Fachhistoriker kurze Artikel zu aktuellen Themen, um der
Öffentlichkeit historische Hintergrundinformationen zu geben und das
historische Verständnis aktueller Ereignisse zu verbessern. Gezielt
werden diese Informationen auch an Journalisten und Zeitungen
weitergegeben. Der History News Service ist damit ein nachahmenswertes
Beispiel dafür, dass Historiker ihre Verpflichtung, auch über den Kreis
der scientific community hinaus mit ihren spezifischen Kompetenzen
öffentlich zu wirken, erfolgreich in die Tat umzusetzen vermochten.
Einen News Service im eigentlichen Sinne des Wortes wurde dagegen –
wieder einmal – am CNMH mit dem History News Network entwickelt.
Eine
der neuesten Entwicklungen besteht darin, dass auch Blogs in der
Geschichtswissenschaft salonfähig werden, spätestens nachdem der in
Princeton lehrende Historiker Anthony Grafton 2007 sich positiv zu
Blogs von Historikern geäußert hatte.[6] Einen guten Überblick über Blogs bietet das History News Network,
wobei auch erkennbar wird, dass in seiner thematisch strukturierten
Übersicht die amerikanische Geschichte den größten Anteil hat.
[1]
Vgl. die neueste Bewertung des Projektes vom September 2009 durch Mark
Herring in Reviews of History
http://www.history.ac.uk/reviews/paper/herringm1.html; sowie
ferner Patrick Manning: Geutenberg-e: Electronic Entry to the
Historical Professoriate. In: The American Historical Review, Bd. 109,
2004, S. 1505-1526; Robert B. Townsend: Gutenberg-e Books Now Available
Open Access and through ACLS Humanities E-Book, Febr. 13, 2008
http://blog.historians.org/publications/454/gutenberg-e-books-now-available-open-access-and-through-acls-humanities-e-book.
[2] Eine Gesamtliste der Verlage über http://legacy.netlibrary.com/about_us/publishers/publisher_list.asp.
[3]
Vgl. dazu auch Peter Danylow: Web-Rezension zu: Cold War International
History Project, in: H-Soz-u-Kult, 07.08.2004,
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=52&type=rezwww.
[4]
Vgl. Jessica Pritchard: History Podcasts, December 03, 2008
http://blog.historians.org/resources/664/history-podcasts;
Dies.: History Podcasts, Take 2, January 13, 2009
http://blog.historians.org/resources/698/history-podcasts-take-2;
Dies.: History Podcasts, Take 3, April 07, 2009
http://blog.historians.org/resources/762/history-podcasts-take-3.
[5] http://hnn.us/articles/24957.html; http://hnn.us/roundup/63.html.
[6]
Anthony Grafton: Clio and the Bloggers. In: Perspectives, May 2007
http://www.historians.org/perspectives/issues/2007/0705/0705vic1.cfm.
Fazit
|  |
Wenn man die kommerziellen Angebote mit-einschließt,
so wird deutlich, in welch signifikantem Umfang in den letzten Jahren
in den USA das Fachinformationsangebot auch für Historiker auf digitale
Medien umgestellt wurde. Ein Core Set wichtiger Zeitschriften ist neben
der Printausgabe vollständig digital verfügbar; aktuelle Monografien
wichtiger angloamerikanischer Verlage werden mittlerweile ebenfalls als
digitale Parallelausgabe angeboten. Wobei, auch dies muss man betonen,
weiterhin primär die Printausgabe der Zeitschriften wie der Bücher
vermarktet werden. Ferner ist die publizierte Überlieferung der Frühen
Neuzeit weitgehend vollständig digital verfügbar; dazu kommen
zahlreiche Quellen zum 19. Jahrhundert wie Zeitungen, Reports und
Materialien des Kongresses, aber auch Publikationen, zumal ja auch die
urheberrechtsfreien Werke aus dem 19. Jahrhundert nicht nur über
einschlägige fachliche Websites wie Making of America zu finden sind,
sondern auch bei Google Books oder über die Open Library der Open Content Alliance.
Dazu kommt, dass auch archivalische Materialien, Fotos und Karten in
ansehnlichem Umfang über das Web zur Verfügung stehen. Und die
Recherche nach Literatur und Websites, sei es über America: History
& Life oder über Online-Kataloge von Bibliotheken und
Bibliotheksverbünden wie über Fachkataloge von Webressourcen erfolgt
ohnehin mittlerweile schon fast ausschließlich über das Internet.
Zugleich bleibt aber auch festzuhalten, dass nur ein äußerst geringer
Teil der einschlägigen Websites aus medientechnischer Sicht derzeit
eine tatsächliche Innovation bietet. Fast alle konvertieren nur in der
einen oder anderen Form klassische Printmedien oder handschriftliche
bzw. archivalische Quellen in digitale Form. Selbst History Podcasts
basieren letztlich auf dem „älteren“ Medium Video. Das Internet
fungiert mithin immer noch in erster Linie als Distributionskanal, der
teilweise den Gang in Archive und Bibliotheken erspart. Neue Formen
digitalen Publizierens und wissenschaftlichen Arbeitens sind bislang im
Bereich der Geschichtswissenschaft eher seltener zu registrieren. Wo
das Internet tatsächlich tiefere Auswirkungen auf das
Publikationsverhalten gehabt hat, ist der Bereich der Public History
und der Amateurhistoriker in den USA[1],
auf deren Konten ein nicht geringer Teil von Websites geht, auf die man
bei Recherchen im Internet stößt. Diese waren aber nicht Thema dieses
Guides, dessen Fokus Websites für die akademische Lehre und Forschung
sind. Wo die Digital History in Zukunft aber auf alle Fälle eine Rolle
spielen wird, ist der Bereich genuiner digitaler Medien, der natürlich
in den letzten Jahren enorm zugenommen hat und die Zeithistoriker
nolens volens dazu bringen wird, dem neuen Medium adäquate
Analysemethoden zu entwickeln.
[1] Zum Kontext vgl. Simone Rauthe: Public history in den USA und der Bundesrepublik Deutschland, Essen 2001.
Literatur
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Deborah Lines Andersen
(Hrsg.), Digital Scholarship in the Tenure, Promotion, and Review
Process (=History, Humanities, and New Technology) Armonk - London
2004.
Edward L. Ayers / Anne S. Rubin, Valley of the Shadow. Two Communities in the American Civil War, New York 2000.
Edward L. Ayers, In the Presence of Mine Enemies. War in the Heart of America, 1859-1863 (=The Valley of the Shadow Project) New York 2003.
Sonja Cameron / Sarah Richardson, Using Computers in History, Basingstoke - New York 2005.
Daniel J. Cohen / Roy Rosenzweig, Digital History. A Guide to Gathering, Preserving, and Presenting the Past on the Web, Philadelphia 2006.
Alan Gevinson / Kelly Schrum / Roy Rosenzweig, History Matters. A Student Guide to U.S. History Online, Boston – New York 2005.
Michael O'Malley / Roy Rosenzweig, Brave New World Alley? American History on the World Wide Web. In: The Journal of American History, Bd. 84, 1997, S. 132-155.
Roy Rosenzweig,
Can we Save the Present for the Future. Scarcity or Abundance?
Preserving the Past in a Digital Era. In: The American Historical
Review, Bd. 108, 2003, S. 735-762.
Jeffrey A. Rydberg-Cox, Digital Libraries and the Challenges of Digital Humanities, Oxford 2006.
Roger C. Schonfeld, JSTOR. A History, Princeton 2003.
Susan Schreibman / Ray Siemens / , John Unsworth (Hrsg.), A Companion to Digital Humanities, Malden - Oxford - Carlton 2004.
Dennis A. Trinkle / Scott A. Merriman
(Hrsg.), The American History Highway. A Guide to Internet Resources on
U.S., Canadian, and Latin American History, Armonk – London 2007.
Dennis A. Trinkle (Hrsg.), Writing, Teaching, and Researching History in the Electronic Age. Historians and Computers, Armonk - London 1998.
Dennis A. Trinkle / Scott A. Merriman (Hrsg.), The History Highway. A 21st Century Guide to Internet Resources, 4. Aufl., Armonk – London 2006.