Exemplarische Sites
Ein Beispiel, wie das Internet als ausgezeichnete Dokumentations- und Informationsplattform von TechnikhistorikerInnen genutzt wird, ist die Homepage von Tensions of Europe. Technology and the Making of Europe. Tension of Europe ist ein ForscherInnen-Netzwerk, das Forschungsprogramme bearbeitet, Tagungen, Workshops, summerschools etc. organisiert und gemeinsam publiziert. In der Vergangenheit trafen sich rund 200 WissenschaftlerInnen aus Westeuropa, den USA und vermehrt auch aus Ost- und Südosteuropa in unterschiedlichen Gruppierungen. Die Seiten zeigen, wie das Internet für die internationale Netzwerkarbeit und eine dezentral zugängliche Dokumentation dieser Arbeit eingesetzt werden kann. Wünschenswert wären allerdings gezielte Suchmöglichkeiten nach Themen oder ForscherInnen, das heißt, eine Suchfunktion würde die Nutzbarkeit der Homepage erheblich erhöhen. Die Homepage informiert über die Entstehung des Netzwerks, über die unterschiedlichen Forschungsprogramme, dokumentiert bereits veranstaltete Tagungen und workshops und informiert über geplante Workshops, Tagungen und summerschools. Eine alphabetische „Who is Who“-Liste nennt alle Mitglieder des Forschungsnetzwerkes. Besonders interessant sind die online zugänglichen Arbeitspapiere sowie die Hinweise auf Publikationen. Bemerkenswert ist die Integration von Videoclips, die jeweils eine anschauliche Einführung in die unterschiedlichen Forschungsprojekte geben. So stellt Johan Schot das Tension of Europe zugrunde liegende Forschungskonzept für eine europäische Technikgeschichte vor. Weiter finden sich zu jedem einzelnen Forschungsprogramm jeweils Videoclips, die dessen Ziele erläutern, z.B. erklärt Ruth Oldenziel das „Projekt European 'Ways of Life' in the American Century. Mediating Consumption and Technology in the Twentieth Century” oder Arne Kaijser das Forschungsprojekt zu Infrastrukturen.
Der Technikgeschichte aus Perspektive der Werkstoffe und den daraus gefertigten Konsumgütern nähern sich die Webseiten des industriefinanzierten Kunststoff-Museums in Düsseldorf. Hier werden in übersichtlicher Form die wichtigsten Kunststoffgattungen und –arten nach der Chronologie ihrer Entstehung vorgestellt und einige chemo-technische Fachbegriffe definiert. Kleine Videofilme über Syntheseprozesse sind herunterladbar. Die Reihe reicht von Vorläufern wie den Naturharzen und dem Asphalt über die frühen Phenolharze und ersten Thermoplaste bis hin zu den neuesten Verbundwerkstoffen. In einer Datenbank , die hoffentlich in Zukunft noch erweitert wird, werden einige Konsumgüter aus Plastik mit ausführlicher Produktbeschreibung dargestellt und chronologisch eingeordnet. Es wird auf Art und Umfang der Sammlungsbestände des Museums hingewiesen. In einem weiteren Modul, das auf einer vom Museum konzipierten Wanderausstellung basiert, werden einige Biografien von Persönlichkeiten der Chemiegeschichte von Hermann Staudinger, dem Polymerchemiker, bis zu Fritz Stastny, dem Entwickler des Styropors, sowie deren Forschungen erläutert.
Am Beispiel dieser Seite werden jedoch auch zwei häufige Engführungen populärwissenschaftlicher Technikgeschichtsschreibung im Internet deutlich: die oft einseitige Konzentration auf Erfinderpersönlichkeiten sowie auf die Errungenschaften der Technik bei gleichzeitiger Vernachlässigung z. B. der umweltschädlichen Folgen der Chlorchemie und des Massenkonsums von Kunststoffprodukten. Ausgeblendet werden gesamtgesellschaftliche, ja bereits wirtschaftliche Zusammenhänge der Technikentwicklung, was viele der bestehenden technikhistorischen Internetangebote von wünschenswerten Beiträgen auf der Höhe des derzeitigen Standards der Printveröffentlichungen unterscheidet.
Ein gelungenes Beispiel für die nach wissenschaftlichen Maßstäben ausgewogene Internet-Darstellung industrie- und produktgeschichtlicher Zusammenhänge bildet das Fotoarchiv des Zigarettenkonzerns Reemtsma des Museums der Arbeit in Hamburg. Vorbildlich wurden hier neben verschiedenen Aspekten der Rohstoffwirtschaft des Tabaks, der industriellen Zigarettenherstellung, der allgemeinen Unternehmensgeschichte und der betrieblichen Sozialpolitik auch die „Erfolgsgeschichte“ des Konzerns im Nationalsozialismus und die Ausbeute von Rohtabak in den Anbaugebieten der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs in die Darstellung aufgenommen. Die zahlreichen Fotobeispiele, die allerdings nur einen kleinen Teil des gesamten Archivbestands von insgesamt 70.000 Bildern darstellen, können sogar nutzerfreundlich in zwei Größen heruntergeladen werden.