Clio-online Guide Wissenschaftliches Publizieren

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Warum publizieren?

Rezeption und ihre Bedingungen

Womit hängt das zusammen? - Geisteswissenschaftliches Publizieren unterliegt besonderen Bedingungen. Diese sollten Autor/innen bei der Formulierung ihrer Publikationsstrategie in Rechnung stellen. Dabei sind vor allem drei Faktoren zu beachten:

Die zeitliche Dimension

Geisteswissenschaftliche Arbeiten – gerade die Geschichte macht da keine Ausnahme –  werden häufig in Zyklen rezipiert, die ein Menschenalter überschreiten können. Bemühungen, die zeitliche Dimension von Rezeptionsprozessen allgemeingültig zu erfassen, arbeiten mit der Halbwertszeit des Wissens: Versuche, die Wissensexplosion der letzten dreihundert Jahre zu quantifizieren, sprechen von einer Verdoppelungszeit von ca. 15 Jahren.[3] Ein Nebeneffekt der beschleunigten Rezeptionsvorgänge ist, dass Primärliteratur schneller in nachfolgende Publikationen eingearbeitet und damit regelrecht vergessen wird. Diesen Vorgang beschreiben Wissenschaftshistoriker/innen häufig mit der Metapher der ›Halbwertszeit‹.[4] Einer Untersuchung von Heinz Hauffe zu Folge[5] beträgt sie bei Veröffentlichungen in der Medizin 3,5, in der Physik 4,7, in der Geologie 11,8 und in der klassischen Philologie 20 Jahre. In geisteswissenschaftlichen Disziplinen liegt die Erinnerungsspanne für Publikationen somit signifikant höher. Es liegt damit auf der Hand, dass GeisteswissenschaftlerInnen stärker auf eine Form der Veröffentlichung bedacht sind, welche ihnen die Verfügbarkeit über einen längeren Zeitraum gewährleistet.

Das Potential der Geschichtswissenschaft

Ein weiterer Faktor besteht im weltanschaulichen Potential der Geisteswissenschaften im Allgemeinen und der Geschichtswissenschaft im Besonderen. Gemeint ist ihre Funktion, vermittels Wertezuschreibungen am gesellschaftlichen Differenzierungsprozess und damit bei der Identitätenbildung gesellschaftlicher Gruppierungen mitzuwirken. So konnten qualitative Rezeptionsstudien nachweisen, dass sich Sinn- oder Interpretationsgemeinschaften ihrer Identität über den Prozess der Rezeption versichern:[6] als gut wird empfunden, was der eigenen Rezeptionserwartung entspricht und der Lösung wahrgenommener Probleme dienlich ist. Auch wird darauf hingewiesen, dass sich Geisteswissenschaften bisher ihrem nationalen Umfeld verpflichtet sahen.[7] Dieser Logik folgend ließe sich fragen, ob innerhalb der Geisteswissenschaften nicht eine stärkere Affinität zwischen der Betonung von Nationalkultur und Landessprache (statt des globalen Englisch der Naturwissenschaftler/innen) als Publikationssprache besteht[8], auch wenn dies den Kreis der potentiellen Leser/innen einschränkt.[9] Naturwissenschaftler/innen übrigens scheinen demgegenüber eher einer transnationalen Perspektive anzuhängen - wohl auch verstärkt durch den Wandel ihrer Publikationskultur hin zur Interdisziplinarität und zum Autorenkollektiv. Dies drückt sich auch in der größeren Bereitschaft aus, in den USA bereits etablierte alternative Publikationsinitiativen zu übernehmen.

Die Verortung

Schließlich sei darauf hingewiesen, dass sich in den Geisteswissenschaften eine gewisse Zurückhaltung gegenüber digitaler Publikation einerseits und das Fehlen entsprechender fachlicher Standards andererseits wechselseitig bedingen.[10] Dabei wird die mangelnde Bereitschaft der Autor/innen zur digitalen Publikation häufig durch fehlende Professionalität und den daraus resultierenden hohen Zeitaufwand im Umgang mit dem neuen Medium verursacht. Hinzu kommen Furcht vor Plagiaten und größere Rechtsunsicherheit.

Eine Internetpublikation gilt oft als weniger karrierefördernd, da gängige Publikationsstandards – etwa die Aspekte der Registrierung neuer Forschungsideen, die Zertifikation, die Sichtbarkeit sowie die Archivierung – nicht hinreichend erfüllt seien. Durch das in den Geisteswissenschaften starke Bewusstsein für etablierte Evaluationsmechanismen[11] wird auf diese Formen der Wertsteigerung (neben der Zitation auf die Teilhabe an einem Markt, gemessen etwa an Verkaufszahlen, und die symbolische Verortung eines Werkes) großen Wert gelegt. Letzteres gewährleistet noch immer überwiegend der Name des Verlages, wie Olaf Blaschke jüngst auf Historiker/innen bezogen gezeigt hat.[12] Im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften spielt damit der Faktor ›ökonomischer und symbolischer Prestigegewinn‹ eine gewichtigere Rolle als in anderen Fächern.

Karriere-Basis

Insbesondere für den ersten Schritt auf der akademischen Karriereleiter, die Doktorarbeit, gilt: kein Prestige, keine Titelführung ohne Publikation und Ablieferung von Pflichtexemplaren. Das Anfertigen der Arbeit und ihre Veröffentlichung sind mithin verknüpft: „Als Datum der Promotion gilt zwar der Tag der letzten mündlichen Prüfung, zur offiziellen Führung des Doktortitels ist man damit jedoch noch nicht berechtigt. Voraussetzung hierfür ist die Drucklegung der Dissertation“, heißt es etwa im Leitfaden Promotion des Historischen Seminars der Münchener LMU. Dabei sind grundsätzlich gewisse Fristen zu wahren: „Erfolgt die Einreichung der Pflichtstücke nicht innerhalb eines Jahres nach bestandener Prüfung; erlöschen alle durch die Prüfung erworbenen Rechte.[13]

Die meisten Promotionsordnungen stehen übrigens im Netz und sind über Suchmaschinen gut zu ermitteln.[14]

 

[3] Vgl. Marx, Werner; Gramm, Gerhard, Literaturflut - Informationslawine - Wissensexplosion. Wächst der Wissenschaft das Wissen über den Kopf, verfasst 1994, aktualisiert im Januar 2002, in: <http://www.fkf.mpg.de/ivs/literaturflut.html> (2002), S. 1-10.
[4] Vgl. Marx; Gramm (wie Anm. 3), S. 4. In Analogie zum radioaktiven Zerfall meint Halbwertszeit die Zeit, nach der die Hälfte der Publikationen nicht mehr nachgefragt wird. Im Gegensatz zu anderen Autoren konnte Werner Marx bei seiner Untersuchung der Publikationen der Max-Planck-Gesellschaft ein Sinken der Halbwertszeit nicht bestätigen (Vgl. ebd., S. 5); zudem: Klemm, Helmut, Horizont der Erkenntnis. Allenthalben wird die schwindende »Halbwertszeit des Wissens« beschworen. Ein Blick in die Informationswissenschaft zeigt: Das Gegenteil ist der Fall, in: Die Zeit, 2 (2002), S. 3, unter http://www.zeit.de/2002/02/Horizont_der_Erkenntnis.
[5] Vgl. Hauffe, Heinz, Langfristige Verfügbarkeit elektronischer Medien, Referat am Kolloquium »Speicherbibliotheken - Digitale Bibliotheken«, Graz, 3. April 1997, in: <http://www.uibk.ac.at/sci-org/voeb/texte/hhgraz.html> (1997); Glänzel, Wolfgang; Schoepflin, Urs, A bibliometric study of ageing and reception processes of scientific literature, in: Journal of Information Science 21 (1995), S. 37-53. Zudem ist auf die Ranking-Listen der Journal Citation Reports (JCR) zu verweisen, welche ständig durch das Institute for Scientific Information (ISI) aktualisiert werden.
[6] Vgl. Franzmann, Bodo (Hg.): Handbuch Lesen, unter Mitarbeit von Georg Jäger, München 1999, S. 101 ff.
[7] Siehe Bogdany, Armin von, Wissenschaft im Sog der Entgrenzung, aus Anlass des Empfangs von Springer Science + Business Media auf der Frankfurter Buchmesse 2003, mit einem Vorwort von Arno Mahlert, Heidelberg 2003, S. 11 ff.
[8] Ebd., S. 5.
[9] Vgl. Füssel, Stefan, Geisteswissenschaften und digitale Medien, in: Gesellschaft für das Buch e.V. (Hg.), Wissenschaftspublikation im digitalen Zeitalter. Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken in der Informationsgesellschaft. Vorträge eines Symposiums am 8. und 9. Februar 2001 in Berlin (Gesellschaft für das Buch, Bd. 7), Wiesbaden 2001, S. 23. Vgl. auch <http://www.ddb.de/produkte/wisspubl2.htm>.
[10] Vgl. Merker, Rainer, Zeitgeschichte im Internet. Zur Situation der »Fachpublikation-online«, in: <http://www.thueraz.de/public/pub_onl>, [08.10.2003] (2003), S. 1-8.
[11] Vgl. dazu Bolz, Norbert, „Eine gewisse Aura“. Wissenschaftsverlage. Der Weg zur Marke führt über Kultautoren. Meint Medienwissenschaftler Norbert Bolz, Gastredner beim IVU-Kongress in Berlin, in: Börsenblatt. Wochenmagazin für den deutschen Buchhandel 21 (2004) (20.05.2004), S. 38-39.
[12] Blaschke, Olaf, Reputation durch Publikation – Wie finden deutsche Historiker ihre Verlage? Eine Umfrage, in: GWU 55/10 (Oktober 2004), S. 598-620.
[13] Promotionsordnung für die Juristische Fakultät der  Ludwig-Maximilians-Universität München v. 25. Januar 1988 in der Fassung der Vierten Änderungssatzung v. 15. Februar 2002.

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